Wirecard-Skandal

Betrachtet man die Geschehnisse rund um den inzwischen in die Insolvenz geratenen Finanzdienstleister Wirecard, so könnte man sich durchaus wie Dr. Jones bei einer archäologischen Grabung fühlen, bei der erst Stück um Stück die Geheimnisse der erforschten Anlage gelüftet werden. Wie in der Geschichte des Schatzjägers kommt auch Scheibchenweise das ganze Ausmaß rund um Wirecard zum Vorschein. Fast zwei Milliarden Euro sollen nur auf dem Papier vorhanden gewesen sein, viele Geschäftszahlen sollen gefälscht sein. Auch geriet der deutsche Finanzdienstleister in das Fadenkreuz von US-Ermittlern.

US-Ermittlungen zu Wirecard

Laut eines Berichts des „Wall Street Journal“ geht die US-Justiz der Prüfung nach, ob Wirecard in einen mutmaßlichen millionenschweren Bankbetrug rund um eine Website, über die man Marihuana ordern konnte, verwickelt ist. So wurde in diesem Zusammenhang ein Deutscher namens Ruben W. in den USA festgenommen und angeklagt. Dieser soll, gemäß der Anklage, mit einem weiteren Beteiligten US-Banken getäuscht haben, damit diese Debit- und Kreditkartenzahlungen von mehr als 100 Millionen US-Dollar für den Kauf Marihuana Produkten abwickeln.

Die beiden Geschäftsleute bauten hierzu ein komplexes Netzwerk mithilfe von Zahlungsdienstleistern aus Briefkastenfirmen, falschen Internetseiten und Offshore-Konten auf. Mit dieser Methode sei verschleiert worden, dass die Kunden tatsächlich online Marihuana bestellten und bezahlten. Die Verschleierungstaktik hatte den Hintergrund, dass viele US-Banken Zahlungsabwicklungen, bei denen der Erwerb von Marihuana eine Rolle spielt, verweigern würden, obgleich die Droge in vielen Bundesstaaten inzwischen legalisiert worden ist. So prüfe die US-Justiz nun das Ausmaß der Beteiligung von Wirecard an diesem Geschäftsmodell.

Die Insolvenz

Die Bekanntgabe der Insolvenz durch den Zahlungsabwickler sorgte indes für heftige Irritationen auf den Märkten, welche sich dann unmittelbar im Aktienkurs niederschlug. So ist die Aktie um fast 80 Prozent abgesackt, sodass der Kurs teilweise auf 2,45 € pro Aktie fiel – so tief ist noch kein Dax-Unternehmen je an einem Tag abgestürzt.

Das Amtsgericht München hatte Michael Jaffé Ende Juni 2020 zum Insolvenzverwalter des Aschheimer Unternehmens bestellt. Jaffé wird als Spezialist für schwierige Fälle gehandelt. Der eingebrochene Kurs machte auf die Nachricht hin einen galanten wenngleich kurzen Sprung nach vorne. Bei Tradegate zogen die Aktien zuletzt um 2,40 Prozent auf 2,50 € an.

Schadenersatzansprüche

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich natürlich die Frage, welche Schadensersatzansprüche den Anlegern und Aktionären zustehen. Es ist davon auszugehen, dass die Aktionäre eher die Letzten in der langen Schlange der Gläubiger sein werden. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass die Schadensersatzansprüche womöglich weit vor den Skandal zurückreichen. Zudem wurden mehrfach Vorwürfe gegenüber Wirecard laut, gegen die sogenannte Ad-Hoc-Pflicht verstoßen zu haben, was konkret bedeutet, dass das Unternehmen börsenrelevante Nachrichten nicht publik gemacht hat.

Fazit

Vermeintliche Frühindikatoren, die Anlass zur Sorge gegeben hätten, gab es in der Vergangenheit einige und das kontinuierlich seit Jahren. So tauchte im Februar 2016 der Bericht einer Plattform namens Zatarra im Internet auf, in dem gegen Wirecard Vorwürfe erhoben wurden. Später folgte auch die „Financial Times“ und berichtete kritisch über das Unternehmen. Wirecard dementierte die Vorwürfe stets. Nach dem großen Knall offenbart sich nun die Dimension des Wirecard-Gemauschels nach und nach. Es bleibt hierbei zu hoffen, dass die Geschädigten zumindest einen Teil ihrer verlorenen Schätze im Rahmen des Insolvenzverfahrens zurückerhalten.

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