Detailaufnahme eines Pferdeauges mit dunkler Iris und langen Wimpern, umgeben von hellem Fell.

Warum der Tierschutz im Stall eine Gesetzeslücke ist

Auch wenn Europa, die Tochter des Agenor, auf einem Stier dahergeritten kommt, so gehören eher Pferde zu Europas vertrautesten Tieren. In der Rolle als Freizeitpartner, Sportler, Arbeitstier und Therapiehelfer begleiten sie die Menschen im Alltag. Genau diese Vielseitigkeit aber macht sie in der Gesetzgebung zu einem Sonderfall. Denn ein Tier, das je nach Kontext „Sportpferd“, „Freizeitpferd“ oder „Nutztier“ ist, passt schlecht in Rechtskategorien, die historisch vor allem für klassische landwirtschaftliche Tierhaltung geschaffen wurden. Das hat Folgen – nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch: Je nachdem, wo ein Pferd steht und wofür es genutzt wird, gelten unterschiedliche Standards, Kontrollen und Zuständigkeiten.

Das Whitepaper „Good Welfare for Equids“ von 2024 der Eurogroup for Animals, The Donkey Sanctuary, Ippothesis, Animal Welfare Foundation and Tierschutzbund Zürich, Deutscher Tierschutzbund, World Horse Welfare ISBN number: 978-1-0670191-2-9 beschreibt diese Lage als strukturelles Problem der EU: Equiden – also Pferde, Esel und Hybride – seien zwar in Europa millionenfach präsent, ihr Schutz sei jedoch fragmentiert, uneinheitlich und von rechtlichen Grauzonen geprägt. Besonders kritisch: Equiden wechseln im Laufe ihres Lebens häufig zwischen Sektoren – vom Sport in die Freizeit, von der Arbeit in privaten Besitz, vom Stall in Rettungsstationen – und damit auch zwischen unterschiedlichen Regelungslogiken. Dadurch entstehen Lücken, in die Tiere immer wieder „hineinfallen“. 

Fragmentierter EU-Rechtsrahmen und fehlende Mindeststandards

Der Kern der Argumentation im Whitepaper „Good Welfare for Equids“ ist juristisch ebenso simpel wie politisch brisant: Der EU-Rechtsrahmen schützt Equiden nicht konsequent, weil er sie nicht eindeutig und durchgängig als eigene Gruppe behandelt. Es fehle an einer klaren, harmonisierten Definition von „Equidae“ in zentralen Vorschriften – und damit an einem stabilen Fundament für Mindeststandards und Vollzug.  Hinzu kommt ein zweites Problem: Viele relevante EU-Regeln sind auf „Farmtiere“ zugeschnitten. Die Richtlinie 98/58/EG (Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere) gilt zwar als allgemeiner Rahmen, enthält aber Ausnahmen und ist nach Darstellung des Whitepapers in ihrer Struktur nicht darauf ausgelegt, den realen europäischen Pferdesektor abzudecken. Gerade dort, wo Equiden für Wettbewerbe, Shows oder sportliche Zwecke eingesetzt werden, entstehen Schutzlücken. Das Ergebnis ist ein widersprüchlicher Zustand: Ein Pferd kann rechtlich anders behandelt werden, obwohl es biologisch dieselben Bedürfnisse hat. 

Das Whitepaper „Good Welfare for Equids“ macht deshalb eine grundsätzliche Feststellung: Der derzeitige EU-Rahmen liefere keine klaren Mindestanforderungen für das Wohlergehen von Equiden. 

Es geht dabei nicht nur um spektakuläre Missstände, sondern um systemische Schwächen: uneinheitliche Umsetzung, unterschiedliche Kontrolldichte, wechselnde Behördenpraxis. Was auf dem Papier existiert, wirkt in der Praxis nicht gleich – und das schafft eine EU-Realität, in der Tierwohl von Standort und Kategorie abhängt.

Identifikation, Transport und der blinde Fleck im Stallalltag

Besonders deutlich wird das bei Identifikation und Rückverfolgbarkeit. Zwar gibt es EU-Vorgaben zur Kennzeichnung (Equidenpass, lebenslange Identifikationsnummer, elektronische Kennzeichnung), doch das Whitepaper beschreibt erhebliche Schwachstellen: papierbasierte Dokumente seien manipulierbar oder würden nicht konsequent aktualisiert; zudem unterscheiden sich Systeme und ausstellende Stellen stark zwischen Mitgliedstaaten. Das erschwert Kontrolle, erschwert Sanktionen – und im Zweifel auch die Zuordnung von Verantwortung. Diese Lücken sind besonders relevant, weil Equiden in Europa hochmobil sind. Das Whitepaper verweist auf umfangreiche Transportbewegungen innerhalb und zwischen EU-Staaten und betont zugleich, dass offizielle Zahlen nur einen Teil des tatsächlichen Geschehens abbilden. Transport ist dabei nicht nur Logistik, sondern ein zentraler Stress- und Risikofaktor: für Tierwohl, für Tiergesundheit und für Seuchenprävention.

Im Sportbereich sieht das Whitepaper „Good Welfare for Equids“ zwar wachsende Standards und Leitlinien, weist aber auf einen entscheidenden blinden Fleck hin: Viele Regeln greifen vor allem in den sichtbaren Momenten – Training, Wettbewerb, Kontrolle am Event – während des Alltages im Stall, auf dem Transport oder nach der Karriere weniger erfasst wird. Damit entsteht ein Schutz, der dort am stärksten ist, wo Öffentlichkeit herrscht, und schwächer wird, wo das Pferd den größten Teil seines Lebens verbringt. Noch unsichtbarer ist die Problemlage im Freizeitbereich. Hier wirken weniger Institutionen, weniger professionelle Kontrolle, weniger Routinechecks. Das Whitepaper nennt Risiken wie unzureichende Kenntnisse über Haltung und Gesundheit, verzögerte tierärztliche Versorgung, Managementfehler – und auch schwierige End-of-Life-Entscheidungen, bei denen Leid unnötig verlängert werden kann. Ein weiteres Thema sind Rettungs- und Gnadenhöfe: Das Whitepaper fordert stärkere Regulierung, etwa durch Lizenzierung oder Inspektionen, weil diese Einrichtungen oft mit besonders vulnerablen Tieren arbeiten und zugleich selbst strukturell überfordert sein können. 

Politische Forderungen: Mehr als nur bessere Kontrollen

Aus dieser Diagnose entwickelt das Whitepaper „Good Welfare for Equids“ einen politischen Forderungskatalog, der weit über „bessere Kontrolle“ hinausgeht. Zentral ist die Idee, dass Equiden EU-weit als fühlende Wesen mit eigenständigen Bedürfnissen betrachtet werden müssen – unabhängig vom Nutzungszweck. Gefordert werden unter anderem:

  • ein überarbeitetes EU-Tierwohlrecht mit equiden-spezifischen Mindeststandards,
  • eine einheitliche Definition,
  • bessere Datengrundlagen,
  • harmonisierter Vollzug,
  • ein robustes digitales Identifikations- und Registriersystem.

Besonders deutlich positioniert sich das Whitepaper zudem beim Thema eCG/PMSG: Es fordert ein Verbot von Produktion, Nutzung und Import nach Europa. 

Pferderecht zwischen Zwecklogik und Verantwortung

Das Whitepaper „Good Welfare for Equids“ beschreibt eine unbequeme Wahrheit: In Europa ist das Pferd emotional präsent, rechtlich aber oft ein Grenzfall. Sein Schutz hängt zu häufig an Kategorien, die sich im Lebenslauf eines Tieres ändern – und damit an Regeln, die nicht konsequent greifen. Die Forderung nach EU-weiten Mindeststandards für alle Equiden ist deshalb mehr als Tierschutzrhetorik. Sie ist der Versuch, einen Flickenteppich zu schließen, der aus Definitionen, Ausnahmen und Vollzugsunterschieden besteht.

Sollte die EU diesen Weg gehen, hätte das unmittelbare Folgen für das Pferderecht in Deutschland: für Stallbetriebe, Transport, Handel, Sportstrukturen, Identifikationspflichten und behördliche Kontrolle. Vor allem aber würde es den Blick verschieben: weg vom Schutz nach wirtschaftlichem Zweck – hin zu einem Schutz nach Bedürfnissen. Wer sich in diesem Spannungsfeld bewegt oder beraten lassen möchte, findet Unterstützung bei einem Rechtsanwalt für Pferderecht. Und vielleicht wäre genau das der Punkt, an dem Europa nicht nur über Pferde spricht, sondern Verantwortung rechtlich so organisiert, dass sie auch dann gilt, wenn niemand hinsieht.